Sal(l)on 17 Frauke Baldrich-Brümmer: Autorin, Lesungen, Lyrik, Prosa, Satire, Kabarett, Slam-Poetry, Literatur, Kurzgeschichten, Hörmedien, Eulenspiegel Zeitschrift, Lektorat

Frauke Baldrich-Brümmer
Leseproben
Frauke Baldrich-Brümmer

Die hier wechselweise präsentierten Gedichte und Kurzgeschichten stehen stellvertretend für Genres, die mir wichtig sind:
  • moderne Lyrik
  • Satire und Slam-Poetry
  • Kurzgeschichten als Momentaufnahmen eines Ereignisses

      frühling kackt      kind am sonntag      immer wieder sonntags   wörtlich bestäubt      Der Weihnachtsmann in der Menopause   Tuten und Blasen oder Kathetermemoiren      Promenadenmischug (2009)      Wenn Frauen zu sehr schreiben (2004)      Ungeliebte Geschichten (2002)      blautorium (2002)


frühling kackt

frühling kackt sich in die luft
hunde lassen haufen
fliegen rüsseln asphaltduft
penner müssen saufen

meine kleine parkbank motzt
wurde angestrichen
gleich darauf galant bekotzt
ich bin ausgewichen

frühling lässt sein blaues band
flattern über hartz und heide
flattern in das deutsche land
leide dichter leide

Aus "wörtlich bestäubt" : Geest-Verlag 2006
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kind am sonntag

mit dem oppa in den zoo
und sein stock auf deinem po

mit der mutter ins cafe
und dein ohr an ihrem weh

mit dem bruder ins gebüsch
abendbrot steht auf dem tisch

Aus "wörtlich bestäubt" : Geest-Verlag 2006
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immer wieder sonntags

ich schwimme ganz allein im selbersee
mein mund geht langsam eine uhr die tickt
ich geh mir nah ich kriege fernweh
und höre wie das paar von oben fickt

zwei kinder spieln verstecken unterm regen
das eine pinkelt und das andre lacht
ich möchte mich zu mir ins hautbett legen
wenn ich nur wüsste wie man sowas macht

der sonntag fängt mich ein wie eine fliege
das fenster zeigt mir staub und altpapier
im radio tort der fußball seine siege
ich sitze da und bin doch gar nicht hier

Aus "wörtlich bestäubt" : Geest-Verlag 2006
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Hörproben wörtlich bestäubt

Das Wandern
zurecht gelegt
als wir
schreiben
Sprecher : Alfred Büngen Geest Verlag

keine nachtmusik
Sprecherin : Verena Arlinghaus


keine nachtmusik

wir kreisen die nacht ein
stecken den mond in
die tasche lügen die
sterne vom himmel
ein paar müde gewordene
wünsche pflücken wir
kurz vorm traumsuizid

gleiten dann immer
tiefer in eine selbstgestrickte
liebessackgasse die engel
im ausgang kennen unseren
namen nicht


Aus "wörtlich bestäubt" : Geest-Verlag 2006
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Der Weihnachtsmann in der Menopause

Irgendwie roch es anders in der Wohnung, als ich an diesem ersten Dezember die Tür aufschloss. Es roch nach Mann. Das ist ja eigentlich auch nicht ungewöhnlich, denn wir sind eine Drei-Frauen WG, und solche bringen sich ja auch mal Männer mit. Und als Gisi sich die Zwillinge angelacht hatte, zwischen denen sie sich nicht entscheiden konnte und ich noch mit Ansgar zusammen war und Melanie mit Kurt, haben wir sogar in Schichten frühstücken müssen, weil sieben nicht um den Küchentisch passten.

Die Tür zum Wohnzimmer war angelehnt und der Geruch... genauer gesagt, der Duft eines Herrenparfüms kam gerade von dorther und sowohl Melanie als auch Gisi schienen zu Hause zu sein, denn ich hatte Mellis Zottelpelz und Gisis neue Wildlederstiefel schon an der Garderobe entdeckt. Ich ging in Richtung Wohnzimmer, nur mal Hallo sagen- und ein wenig neugierig war ich natürlich auch. Die Tür war ja (auch) wie gesagt, nur angelehnt, und als ich vorsichtig reinlinste, beschloss ich, nicht mehr nach Dienstschluss auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und vor allem dort nie, nie mehr Lumumba zu mir zu nehmen. Ich stütze mich vorsichtig an der Wand ab. Ein Glühwein ... und zweimal dieses Teufelszeug mit Amaretto ... kein Wunder, dass ich ihn sah! Ich hatte nämlich soeben den Weihnachtsmann auf unserer IKEA-Couch entdeckt. Ich schloss die Augen und atmetet dreimal so tief und langsam durch, wie meine engen Jeans es mir erlaubten. Dann öffnete ich die Augen wieder. Der Weihnachtsmann war immer doch da. Im selben Moment kam Melli an die Tür. "Das ist er", kicherte sie und zog mich wieder in den Flur hinaus. "Das ist wer?", fragte ich schließlich. "Mensch, der Weihnachtsmann!", kam es von Melli zurück. Also hatte ich doch richtig gesehen.

"Der Weihnachtsmann?", fragte ich trotzdem noch einmal nach. "Jaha!", strahlte Melli. "Unser Weihnachtsmann. Ich habe ihn bei e-bay ersteigert- für unsere WG.." Ich ließ mich aufs Telefontischchen plumpsen. Aus dem Wohnzimmer drang Gekicher. "Gisi findet ihn super!", sagte Melli. "Wen?", fragte ich wieder. Melli verdrehte die Augen. "Mann, Ina, nun frag doch nicht immer so dämlich! Er wurde bei e-bay angeboten. Vor zwei Wochen schon: tages- und nachtlichttauglicher Weihnachtsmann mit dicken Sack und großer Rute ... also ... all inclusive, für 400 Euro. Melli hat 150 dazugeben, weil er ihr so gefällt- und ich find ihn auch schnuckelig, er kann sogar singen!"

"Aha!", sagte ich matt. Irgendwie lief in diesem Haushalt einiges an mir vorbei. "Er bleibt bis zum 25. Dezember, eventuell sogar bis zu Silvester. Heute Nacht kommt er zu mir, und für morgen... tut mir leid, da hat die Gisi ihn schon. Du bist halt spät dran gewesen (heute)...", sie zwinkerte mir zu und huschte in Richtung Wohnzimmer davon. Ich folgte ihr, noch immer nicht so ganz begreifend, was sich hier nun abspielte oder abspielen würde. Seit ein paar Monaten ersteigert Melli öfter mal was bei e-bay. Bislang waren es aber nur Gegenstände unter einem Meter gewesen, welche in ihrem Zimmer verschwanden. Im Wohnzimmer saß tatsächlich der Weihnachtsmann im roten Mantel mit Mütze und Bart auf unserem neuen Gulliban-Möbel. Er wurde rechts von Melli, links von Gisi eingerahmt. "Tach", sagte ich. Der Weihnachtsmann erhob sich und hub an: "Direkt von e-bay komm ich her und muss euch sagen, es gefällt mir hier sehr. Drei schöne Frauen zur Weihnachtszeit, die machen mir das Herze weit." Dabei lüpfte er schwungvoll seinen Jutesack. Melli und Gisi klatschten begeistert. "Ist das nicht süß, Ina? Das Verschen hat er bei uns auch schon aufgesagt...alles im Preis mit drin."

Ich blieb stumm. Ich hatte schon einiges erlebt, Mellis nackten Guru auf dem Wohnzimmerteppich damals, oder Helmut, den Karatekämpfer, der jeden Morgen unter gräuslichen Lauten einen Küchenstuhl zu Kleinholz schlug, ehe er drei rohe Steaks zum Frühstück verschlang. ..aber das ....Gisi deutete mein Schweigen falsch. Sie kam auf mich zu, legte den Arm und meine Schulter und sagte: "Weihnachtsmann, das ist unsere Ina. Sie freut sich genauso auf dich wie wir beide", und mir flüsterte sie ins Ohr: "Sei doch bitte nicht sauer, dass Melli ihn für heute Abend gekriegt hat. Sie hat schließlich das meiste bezahlt. Ich finde übrigens, dass du auch was zugeben solltest." Das reichte mir nun erst mal. Es war kurz vor Weihnachten und ich war ziemlich pleite. Ich war gerne bereit, was für die Weihnachtsgans oder den Tannenbaum zu geben, aber hier hörte mein Spaß entschieden auf. Ich erhob mich schwungvoll und schritt hinaus. "Du musst doch nicht gleich zahlen, morgen reicht auch..", rief Gisi mir nach. Ich aber stolzierte in mein Zimmer und knallte die Tür hinter mir zu.

Am nächsten Morgen war mein freier Tag. In der Nacht hatte ich nichts weiter gehört, und als ich gegen neun Uhr in Richtung Küche marschierte, noch in Bademantel und Pantoffeln, warf mich der Anblick des Kaffee trinkenden Weihnachtsmanns beinahe aus den letzteren. Der aber lächelte schüchtern und stand auf. Bitte nicht wieder ein Gedicht, dachte ich, aber er sagte nur:

"Ich geh jetzt. Tagsüber arbeite ich in der Luisenpassage auf dem Weihnachtsmarkt. Den Wasserhahn im Bad habe ich repariert, aber er müsste doch mal eine neue Dichtung haben." Damit erhob er sich und stellte sein Geschirr in die Spülmaschine. Wenig später hörte ich die Wohnungstür klappen. Ich hatte mich mit meiner Mutter in der Stadt verabredet. Mutti hatte noch ein paar dringende Weihnachtseinkäufe zu erledigen, bei denen ich ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen sollte. Ich kehrte also am späten Nachmittag in unser Heim zurück. Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter erwartete mich. Es war Gitti. "Ina, warte nicht auf uns, wir sind heute Abend mit dem Weihnachtsmann bowlen und dann noch in Hemmes Lokal. Tschau."

Da ich am nächsten Tag Frühdienst hatte, legte ich mich zeitiger als sonst ins Bett, wurde jedoch weit nach Mitternacht durch dreistimmiges "Oh- du -fröhliche- Geschmettere" geweckt. Als ich am nächsten Morgen gegen vier durch den Flur schlich, schlief natürlich noch alles. Die Weihnachtsmannsmütze hing an Gittis Türklinke. Aha, dachte ich nur. Am Nachmittag fand ich den Weihnachtsmann in der Küche sitzen. Er hatte seine Mütze abgenommen und trug ein Haarnetz darunter. Auch den weißen Bart hatte er abmontiert. Seine Füße steckten in unserer blauen Plastikschüssel im Seifenwasser.

Ich ließ mich auf einen Küchenstuhl fallen. "Entschuldigung", stammelte der Weihnachtsmann. "Ich wusste nicht, dass eine von euch so früh nach Hause kommt .. aber ich hab ja so Blasen an den Füßen und ich dieser Bart ...der juckt. Bitte, erzählen sie ihren Freundinnen nichts davon, ja? Wie sie mich hier angetroffen haben, meine ich."

"Keine Angst", sagte ich. "Es ist nämlich so", fuhr er fort, "wir wollen heute Abend wieder los, und da ... irgendwann muss ich mich doch auch mal ausruhen!"

"Die beiden sind wohl ganz schön anstrengend?", fragte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Der Weihnachtsmann seufzte leise. "Ach, halb so wild. aber - nun ja, sie wollen natürlich auf ihre Kosten kommen!"

Das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Der Weihnachtsmann und ich waren bald in eine muntere Diskussion vertieft. Ich erneuerte zweimal das Wasser und holte noch ein Fußbadepulver. Denn seine Füße sahen echt schlimm aus. Voller Blasen und Schwielen. An den Hacken aufgescheuert und blutig. So ohne Bart und Mütze sah er übrigens gar nicht schlecht aus. Ich bat ihn, das Haarnetz doch auch mal abzusetzen. Er hatte dunkle Löckchen. Und- Hunger! Gitti und Melli hatten ihn natürlich überhaupt nicht gut verpflegt. Ich briet ihm erst mal drei Eier auf Speck und riet ihm dann, sich ein wenig hinzulegen. Er blickte auf seine Uhr. "Großer Gott", rief er erschrocken aus ... "Es ist schon halb fünf ... die beiden kommen bald zurück." Hektisch fummelte er sich das Netz auf und ich goss das Wasser in den Ausguss. Der Arme tat mir nun wirklich leid. Er hatte wunderbare braune Augen und ein Grübchen in jedem Mundwinkel. Er hatte mir erzählt, dass er gerade eine Fortbildung absolviert habe und in seinem neuen Job erst im Januar anfangen könne. Solange müsse er sich mit der Weihnachtsmanntätigkeit über Wasser halten. "Bis zum 24. halte ich es vielleicht noch durch", sagte er matt. "Aber dann..."

Ich versprach ihm, nachzudenken und das tat ich. Er legte sich erstmal in mein Zimmer zum Schlafen. Als Gitti und Melli nach Haus kamen, legte ich einen 100- Euroschein auf den Küchentisch. "Er ist bei mir", sagte ich nur kühl. Melli und Gitti sahen sich grinsend an. "Wussten wir doch, das du früher oder später auf den Geschmack kommen würdest", freute Melanie sich und strich das Geld ein. "Ich hätte ihn dann gerne an den Donnerstagen, da hab ich bis Weihnachten frei", sagte ich locker.

Mein Plan war gereift. An den Donnerstagen ruhte Rudi, so war sein wirklicher Name, sich bei mir aus. Er kühlte die Füße und auch noch einiges anderes, was es zu kühlen gab und schlief wie ein Stein auf meinem Ausklappsofa, derweil ich seinen Schlaf vom Hochbett aus bewachte. Ich fütterte ihn mit Erdbeeren, kochte ihm starken Kaffee und während der Fußbäder unterhielten wir uns. Wir hatten ähnliche Hobbys, lachten über die gleichen Witze und ich fand immer mehr Gefallen an diesem seltsamen Weihnachtswunder. Am 24. legten sowohl Gitti als auch Melli einen Extra-Hunderter auf den Ikea- Tisch des Hauses- für Rudi.

"Heute Abend ist er unser ....bis 24 Uhr", sagten sie zu mir, "und wer weiß, vielleicht verlängern wir ihn dann noch."

Ich verbrachte den Heiligen Abend bei Mama, die über diverse Beschwerden klagte: Hitzewallungen, Migräne, nervöse Atemnot... da kam mir die Idee. Die Super-Wunder-Waffen- Idee.

Am nächsten Morgen hing Rudi fast leblos über dem Küchentisch, während Gitti und Melanie sich einen Prosecco genehmigten. Ich bat beide in mein Zimmer und machte die Tür fest hinter mir zu.

"Hört mal", sagte ich in geschäftsmäßigem Tonfall. "Habt ihr schon mal drüber nachgedacht, was mit ihm nun werden soll?"

Gitti grinste. "Wir werden ihn bis zum 31. verlängern", sagte sie. "Wenn du mitmachen willst, dann beteilige dich. Und du bist automatisch mit von der Partie." Ich schüttelte den Kopf und langte nach einem Aktenordner, den ich mir auf meinem Schreibtisch bereitgelegt hatte. "Tut mir leid, Mädels, ich glaube, draus wird nichts". Gitti und Melli guckten. Ich schlug den Aktenordner auf. "Ich habe ein wenig recherchiert, im Institut und bei meinem früheren Arbeitgeber Professor Dr. Dr. Bollwegen. Gitti und Melli guckten irritiert, "Ja", fuhr ich fort. "Mir ist nämlich aufgefallen, dass unser Weihnachtsmann immer ...wie soll ich sagen ... saft- und kraftloser wird ... habt ihr eine Erklärung dafür?

"Na ja", sagte Gitti. "Er muss hier schon ran fürs Geld, ich meine nachts und überhaupt. ..er ist ja schließlich ein Mann oder?" Sie blicke uns vielsagend an und grinste.

"Eben, eben", sagte ich und seufzte leise auf. "Und da liegt die Wurzel allen übels. Gitti schaute mich besorgt an. "Wurzel was?" fragte sie. "Na ja", sagte ich und wedelte bedeutungsschwer mit meinem Ordner. "Professor Dr. Dr. Bollwege ist als Verhaltensforscher und Ethnologe natürlich auch Weihnachtsmann-Kundler.

Melli nickte ergriffen. Titel ziehen immer bei ihr. "Ja," fuhr ich fort und blätterte in meiner Mappe. "So eine Doppelbelastung ist bei einem Weihnachtsmanne natürlich nicht ohne Folgen. Bis morgen mag vielleicht noch alles gut gehen..,aber dann..." "Dann was?", fragte Melli alarmiert. "Ich will mein Geld zurück.", murmelte Gitti. "Ruhig, Mädels", sagte ich. "Ihr habt doch eh nur bis morgen gebucht, oder?" Die beiden nickten.

"Ja, bis dahin wird er es noch machen, sagt Bollwege. Dann allerdings tritt Menopause ein." "Die was?", fragte Melli schockiert.

"Die Menopause des Weihnachtsmannes.", sagte ich freundlich. "Ich war ja auch vollkommen unwissend, aber Bollwege war so freundlich, mir alles zu erklären. Vierzig Wissenschaftler von höchstem Range arbeiten zur Zeit dran."

"An der Menopause? kreischte Gitti. "Nicht ganz", sage ich. "Ich erkläre es euch: Der Mann ist biologisch-antropromorph nicht primär zum Weihnachtsmanne erschaffen, laut Bollwege."

Melli und Gitti hingen an meinen Lippen, ich blätterte. "Nach einer Doppelbelastung als Mann und Weihnachtsmann ... ihr versteht ... treten bei ihm so etwas wie die Wechseljahre ein. Wie bei Frauen, klar? Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Nervenflattern, Migräne ... wie es im Buche steht. Und dann..", ich machte eine bedeutungsschwere Kunstpause und blätterte weiter. "Und dann?", flüsterte Gitti.

"Dann kommt die Weihnachtsmann-Menopause, als Weihnachtsmann läuft es gut ... aber als Mann ... tote Hose. Nix mehr im Sacke. Nix mehr mit Rute."

Ich klappte die Mappe zu. "Typisch", sagte Gitti. "Männer! Schwächlich, verweichlicht, degeneriert, na gut, dass wir ihn morgen los sind." Und Melli fügte hinzu: "Hätte ich eigentlich wissen müssen. Männer können halt nicht so viel auf einmal. Ina, sieh zu, dass der auch wirklich verschwindet, ehe das hier mit der Menopause losgeht."

Sie verließen mein Zimmer. Ich holte Rudi zu mir. Er entledigte sich des Rauschebartes, des Haarnetzes und der übrigen Weihnachtsmannverkleidung. Zum Anbeißen sah er aus. Seitdem sind Rudi und ich ein Paar. Ohne weißen Bart und roten Mantel haben Gitti und Melli ihn nicht wiedererkannt. In Kürze wollen wir zusammenziehen. Ich muss da raus, denn es ist bald Ostern.

Und da will Gitti sich einen Osterhasen ersteigern, mit Eiern und süßem Schwänzchen und großen Ohren. Aber ohne mich ...

Aus Promenadenmischung: Verlag periplaneta 2009
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Tuten und Blasen oder Kathetermemoiren




(Mann möge mir diese Story verzeihen)

Manche Menschen gehen zum Arzt, wenn sie Langeweile haben, einmal wieder "Das silberne Blatt" lesen wollen oder krank sind. Trulla, mein esoterisches Feindbild geht zum Beispiel zum Doktor, weil sie sich in ihn verliebt hat.

Ich werde normalerweise nur krank an
a) Feiertagen
b) wenn ein Sonn- und Feiertag auf einen Tag fällt
c) wenn ein Sonn- und Feiertag auf einen Tag fällt und der Verkehr wegen Glatteises zusammengebrochen ist.

Aus diesen und ähnlichen Gründen habe ich eine Affinität zum Notdienst. Mein Leiden hieß Blasenentzündung. Es hat auch noch einen lateinischen Namen, der mit itis endet. An einem Sonntagabend stellte ich fest, dass der Gang zur Toilette nicht so neutral war wie üblich, sondern mir Schmerzen bereitete. Da es bereits nach Mitternacht war, ließ ich meinen Freund, den Notdienst, diesmal unbehelligt und suchte am Montag den Frauenarzt meines Vertrauens auf.

Immer wenn ich zu ihm gehe, muss ich mir als erstes überlegen, warum ich so lange nicht da war und noch nicht zur Vorsorge und so weiter. Das letzte Mal hatte ich ihm gesagt, ich sei ein Jahr lang in Israel in einem Kibbuz gewesen. Diesmal dachte ich an eine Weltreise, aber dann kriegte ich Angst, weil ich dachte, er könne denken, ich sei wohlhabend geworden und mich privathonorarlich versorgen wollen und mir keine kostenlosen Arztusterpackungen mehr schenken. Ich war die zweite an diesem Morgen bei ihm. Ich entrichtete das Wegegeld, diesen 10-Euro-Ablass, so nach dem Motto: Wenn das Geld in der Nierenschale klingt, der Doktor dir Genesung bringt. Dann ließ ich mich zu einer Urinprobe herab, welche mir ein Antibiotikum einbrachte.

Ich ging damit nach Hause und nahm die erste Tablette schon auf dem Weg, weil ich eine rasche Heilung wünschte. Zuhause folgte nun das, was meine Familie, wenn es einige Stunden lang dauert mit: "Nimm sie vom Netz!" kommentiert: Ich suchte in Internetforen, auf Wikipedia und so google und so weiter nach Symptomen, Komplikationen und Infektionen. Drei Stunden später war ich der festen Meinung, diesen Tag nicht überleben zu können.

Ich schrieb mein Testament neu und nahm die zweite Tablette. Am Abend verschlimmerten sich meine Symptome erheblich. Ich war nicht einmal mehr in der Lage, das Internet zu befragen sondern rief die urologische Abteilung der Hochschule an. Der diensthabende Arzt war sehr nett.

Er sagte , so schnell könnten die Tabletten nicht wirken und es könne sein, dass sie überhaupt nicht wirkten, sondern man mich stationär an einen Tropf hängen müsse. Ich könne also jederzeit, auch des Nachts, gern vorbeikommen. Allerdings hätten sie kein Bett mehr frei, man würde mich aber schon irgendwo unterbringen. Ansonsten empfahl er mir, am nächsten Tag einen Urologen meines Vertrauens aufzusuchen.

Ich bedankte mich und legte mich ins Bett. Immer, wenn ich gerade einschlafen wollte, musste ich zum Klo. Mein Partner wurde jedes Mal wach und immer besorgter um mich, was dazu führte, dass ich bei jedem Klogang : "Es ist schon besser, es ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen.", wimmerte.

Am nächsten Morgen suchte ich im Branchenbuch nach einem Urologen in meiner Nähe. Hier teilte mir die freundliche Sprechstundenhilfe mit, dass frühestens in 10 Tagen ein Termin für mich frei sei. Ich legte den Hörer auf und sagte meinem Partner, dass man mich medizinisch nicht versorgen wolle. Er schlug vor, nochmal beim Krankenhaus anzurufen. Dort sagte man mir, ich könne auch als ambulanter Notfall behandelt werden. Ich packte eine Notfalltasche für alle Fälle mit Erich Kästner, Ohrenstöpseln, Schreibpapier und einem Kuscheltier ein und ließ mich in die Klinik fahren.

Dort wurde ich von der Ambulanz mit einem Fragebogen in die Aufnahme geschickt und von dort mit dem ausgefüllten Fragebogen und einem Computerausdruck zur Urinprobe und dann ins Wartezimmer. Ich machte mich auf längere Wartezeit gefasst, griff nach meinem Schreibpapier und dachte an den Roman, den ich schon lange zu Papier zu bringen wollte. Doch ich hatte kaum den ersten Absatz beendet, da wurde ich gerufen.

Ich drückte meinem Partner den Papierpacken in den Arm (er hatte schon meine Tasche, meinen Mantel und das Kuscheltier auf dem Schoß ,weil ich im Krankenhaus immer so eine Angst vor Keimen habe und nichts auf den Boden tun mag) und suchte das Sprechzimmer Nummer drei.

Mein unausgeprägter Orientierungssinn ließ mich vor der Tür der Intensivstation stranden. Ein Grüngekleideter sah mich finster durch die Glastür an. Ich floh und fand das besagte Zimmer hinten rechts. Eine reichlich übernächtigte ärztin ließ sich meine Symptome schildern und überprüfte dabei ihre Fingernägel und den ärmelsaum ihres ehemals weißen Kittels mit den Worten: "Drei Nägel abgebrochen und diese Wäscherei schlampt auch immer mehr." Dann wandte sie sich mir zu und erklärte mir die Beschaffenheit meines Urins, sagte, ich solle das Mittel weiternehmen und könne wieder nach Hause gehen, aber wenn es schlimmer werde, dürfe ich jederzeit wiederkommen. Ansonsten solle ich mir einen Termin für eine Nachuntersuchung in zehn Tagen geben lassen.

Zu Hause erwarteten mich 34 e-mails aus den 15 ärzte-Foren, in denen ich Beistand gesucht hatte. Einige Tage später ließen meine Schmerzen nach, nur das Antibiotikum wummerte in meinen Eingeweiden. Zehn Tage später fuhr ich wieder in die Klinik. Den Weg in die Urologie fand ich nun fast von selber. Da es das letzte Mal so schnell gegangen war, hatte ich weder was zum Schreiben noch zum Lesen dabei.

Im Warteraum saßen 12 Männer und eine Frau. Die Frau sagte mir gleich, dass sie seit einer Stunde und 10 Minuten warte. Dem nächsteintreffenden Mann sagte sie dann, sie warte seit einer Stunde und zwölf Minuten.

Ich gab meine obligatorische Urinprobe ab und guckte dann in den Ständer mit Zeitungen. Dort standen kleine farbige Broschüren mit Titeln wie: "Die Prostata und ihre Leiden" - "Mit der Prostata auf du und du" -"Deine Prostata, das unbekannte Wesen". Ich nahm mir alles und vertiefte mich in männliche Harnwege. Als ich einmal aufsah, meinte ich, in den Mienen der Männer Unbehagen, verhaltenen ärger und sogar offenen Feindseligkeit zu spüren. Satzfetzen wie "Jetzt wollen die Emanzen uns auch noch das letzte nehmen", schlugen mir entgegen.

Ich stellte die versammelte Prostata zurück und fand eine unverfängliche Broschüre über Beckenbodengymnastik. Die riss ich mir unter den Nagel und probierte einige der Atemübungen gleich aus. Die Blicke wurden nicht besser. Ein Paar betrat den Raum, ich ließ den Beckenboden sinken und wurde Zeuge folgender Unterhaltung: "Sag die Doktors nicht, wasse dir am Stammtisch für Pillen gegeben haben, Rudolf, mach des bloß nicht!"

"Die Pillen warn gut. Der Edi hat sie auch genommen." "Ja, aber auf Rezept für Edi und nicht für dich, Rudolf. Die warn verschreibungspflichtig. Ich sach dir: Sach die Doktors nix." "Die Doktors finden alles raus. Da brauch ich nix sagen."

Dann wurde ich in den Behandlungsraum gerufen, wo man mir meine Genesung mit Rückfallgefahr mitteilte. Ich erhielt einen Arztbrief für den behandelnden Urologen. Dort wollte ich auch gerne hin. Zwei Tage später ereilte mich eine heftige Virusgrippe. Den Internetforen konnte ich entnehmen, dass diese zur Zeit umginge. Eine Woche fieberte ich, eine weitere schnupfte und eine hustete ich. Dazwischen änderte ich mein Testament.

Aus Promenadenmischung: Verlag periplaneta 2009
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Hörproben Promenadenmischug (2009)

Menschliche Tagesschau
ALO-Finale
Total normal


Aus Promenadenmischung: Verlag periplaneta 2009
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Hörproben Wenn Frauen zu sehr schreiben (2004)

CD

Anmoderation
Wie heißt Barbies Schwester
Barbie Doll
Fünf Gedichte
Weil es nicht schön ist
Vier Gedichte
aa0
Neun Gedichte
Der Absturz
Südstadt
Abmoderation


Fliegenköpfe: 2.4.2004
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Hörproben ungeliebte Geschichten (2002)

CD

Begrüßung
Vorsicht Vorsicht
Über den Augen
Eines Tages
Steinzeit
In Zentimetern
Letzte Bahn
Prinzessin von C
Liebesgedicht
Seiltanz
Zundefeuer
Das Herz einer Hure
Das Wandern
Wenn es nur darum ginge...
Am Abend
Flieder und Mieder


Antiquariat Lothar Lange: 11.5.2002
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Hörproben blautorium (2002)

CD

sprachturm   Sprecher:  wulf hühn
frühjahrsputz   Sprecher:  ulrike hepperle
ohne täuschung sein   Sprecher:  hermann beddig
totale   Sprecher:  frauke baldrich-brümmer
ruhe vor dem sturm   Sprecher:  hermann beddig
ich darf dir   Sprecher:  ulrike hepperle
steinzeit   Sprecher:  wulf hühn
vorlustanzeige   Sprecher:  frauke baldrich-brümmer
Kornbrennerei Hainholz: 17.8.2002
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